Der Amoklauf von Winnenden – Wer ist schuld?

Nach den grausamen Ereignissen in Winnenden (Baden Württemberg), deren Verlauf hier, wie ich finde keine explizite Erwähnung braucht, streiten Medien, Politiker, Jugendschützer und Eltern wieder den alten Streit, der nach jedem so genannten „School Shooting“ ausgegraben wird.
Wer ist Schuld an der Misere? Sind es die Medien? Ist es die Gesellschaft an sich? Liegt es an der Unachtsamkeit der Eltern? Oder liegt es an Killerspielen à la „Counter Strike“? Ich vorneweg noch bemerken, dass ich keinesfalls ein Verfechter der Killerspiele bin, sondern werde ich versuchen die Sache nüchtern zu betrachten.

Der Weg in den Wahnsinn
Offensichtlich schien bisher, dass Amokläufer als gesellschaftsferne Menschen kategorisiert wurden, was auch ganz richtig erscheint. Im Falle Winnenden wird allerdings argumentiert, dass hiervon abzusehen sei, da der Täter im Schützenverein und Pipapo vertreten war. Die Frage der Stunde muss lauten: Schließt ihn diese Mitgliedschaft in die Gesellschaft ein, oder ist es ein zwanghafter Versuch soziale Kontakte zu knüpfen, der selbst bei dessen Scheitern nicht zum Ausschluss aus diversen Vereinen führen würde. Ich denke man kann die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter ein sozialer Außenseiter war, als sehr hoch einschätzen, denn ein Mensch, der eine gesunden Verbindung zur Gesellschaft aufweist, sich bevor er sich umbringt, eher Verwandten, Bekannten oder Freunden anvertraut.
Also gehen wir davon aus, dass der Täter in der Schule ausgegrenzt war, dann erscheint es recht logisch, dass er sich zunehmend seinem Computer widmete, der via Internet ein Fernrohr in die Außenwelt bietet und der in so genannten
Gamer-Clans Akzeptanz fördert, weil es in solchen Foren nicht darum geht wie nett man ist, sondern wie gut man schießt oder ähnliches eben. Aber zu den Spielen kommen wir später noch einmal.
Nach dem Attentat wurden viele Stimmen laut, dass der Amokläufer aus einem reichen Elternhaus kam, was mit Verlaub, das wohl fadenscheinigste Argument von allen darstellt. Wenn die Gesellschaft mir einen Platz in ihrer Mitte verwehrt, dann kann ich mich auch nicht einkaufen, soviel sollte zumindest auch einem 17-jährigen klar sein. Denn falsche Freunde, findet man auch woanders ohne sich einzukaufen. Ähnlich verlief die Argumentation bei den Tätern der „R.A.F.“ (Rote Armee Fraktion => politische Gruppe die hauptsächlich in den 60ern und 70ern des 20. Jahrhunderts durch gezielte Angriffe, an dem von ihnen als faschistisch betrachteten kapitalistischen System der BRD, etwas zu ändern versuchte). Die Fragestellung damals lautete wie auch heute noch: Wie konnten Menschen, wie zum Beispiel Gudrun Ensslin (Tochter eines Pastors), die aus guten Familienverhältnissen stammte, zum Mörder werden? Die Frage beweist, meiner Ansicht nach, ihren eigenen Unsinn, indem sie so im Raum steht, wie sie es tut. Um zurück nach Winnenden zu kommen;
Wenn einem etwas an einer Gesellschaft nicht passt und man soweit ist, dafür zu töten, dann hilft auch kein gutes Elternhaus oder die Millionen von Papi auf dem Konto mehr.
Computerspiele werden logischerweise nach jedem „School-Shooting“ auf den Tisch gepackt, da der Verdacht tatsächlich nahe liegt, dass die Gewaltschwelle gewaltig gesenkt wird, wenn man den ganzen Tag nichts anderes tut, als virtuelle Pixelfiguren abzuknallen. Die psychologische Logik dahinter mag verständlich sein, jedoch sehen meiner Meinung nach die Intentionen hier anders aus.
Nach einem Amoklauf sieht das Trauerspiel ja meist gleich aus.
Die Politiker können sich nicht vorstellen, wie so etwas in unserer Gesellschaft passieren kann, aber man kann den Eltern keine schlechte Erziehung vorwerfen, denn das wäre pietätlos und wenn der Täter aus gutem und reichem Hause stammt, ist diese Möglichkeit ja im Allgemeinen, recht unwahrscheinlich.
Welcher Sündenbock bleibt übrig?
Die Schule? Nein! Staatliche Institutionen ins Kreuzfeuer nehmen ist für den Staat selbst wahrhaft unangenehm.
Die Waffenlobby? Um Gottes Willen! Wenn einer Geld an der ganzen Schose verdient, dann die Waffenlobby und…
…die Medien, die aber auf Grund von Artikel 5 des Grundgesetzbuches der BRD nicht zensiert werden dürfen, es sei denn sie wären verfassungsfeindlich.
Was bleibt einem da noch übrig?
Killerspiele! Logischerweise, denn diese Spiele stehen 1:1 in Verbindung mit dem Tod. Aber mal ehrlich wer glaubt denn noch an das alte Märchen der bösen Killerspiele und der - diesen hilflos ausgesetzten - Jugendlichen?

Einen Anreiz zum Töten schaffen
Wir gehen weiterhin von der These aus, dass ein Amokläufer ein gesellschaftsfernes Individuum ist, der nie aus der Menge sticht und keine Beachtung findet.
Welchen Reiz beziehungsweise welches Verlangen, welches Motiv hegt ein solcher Jugendlicher? Er möchte gehört werden. In allen Medien Topthema sein. Sicherlich hat er nach seinem Tod nicht mehr viel davon, aber man darf auch nicht von einem mental stabilen rational denkenden Menschen ausgehen, der abwägt welche Folgen ein solcher Amoklauf mit sich bringt, was ja schon eindeutig aus der Tatsache hervorgeht, dass er schlussendlich tot ist.
Die Medien stürzen sich natürlich auf den Batzen Frischfleisch der ihnen vorgeworfen wird, weil es natürlich die Verkaufszahlen und Einschaltquoten fördert, wenn man in den jüngsten Grausamkeiten informationstechnisch immer die Nase vorn hat. Bereits kurz nach dem Amoklauf, es dürften ungefähr vier bis fünf Tage gewesen sein, hat der Sender „RTL“ bereits das Selbstmordvideo des Täters ausgestrahlt und die „Bildzeitung“ titelte mindestens eine Woche lang mit keinem anderen Thema und reservierte gute zwei bis drei Seiten extra im Heft, um den Tathergang und alles andere bis ins Detail zu untersuchen. Ich weiß nicht wie die redaktionelle Arbeit in solchen Häusern vor sich geht, aber die Redakteure scheinen die winzige Kleinigkeit, dass auch der Täter Eltern hat, die ihn wohlmöglich anders kannten, als er sich zum Tatzeitpunkt der Öffentlichkeit präsentierte, zu übersehen. Wie fänden Sie es, wenn alle Medien der Nation gegen ihren geliebten toten Sohn oder ihre geliebte tote Töchter, was auch immer er/sie verbrochen hat, hetzen würden?

Nun stelle man sich folgende Situation vor:
Ein Jugendlicher mit ähnlichem Hintergrund sitzt zu Hause und weiß keinen Ausweg mehr als den einen und er wünscht sich wenigstens einen Tag seines Lebens so viel Achtung zu bekommen, wie der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten und sieht, dass der Plan wundervoll aufgeht, wenn er eine ähnliche Tat ungefähr zwei Jahre später bringt.
Die allen bekannte „Bildzeitung“ titelte einen Tag nach der Ausstrahlung des Suizidvideos durch „RTL“, dass DAS Video aufgetaucht sei, stellte einige pixelbrei-ähnliche Bilder unter die Schlagzeilen und verwies auf den Internetlink, auf dem man sich „das ganze Video anschauen“ konnte. In dieser Gesellschaft heißt es nicht mehr „Sex sells“ weil man mit Sex keinen Rentner mehr provoziert, sondern heute heißt es „Death sells“. So ist es traurig aber wahr ist es leider auch. Im Internet findet man allzu nützliche Videos, wenn man weiß wo man suchen muss. Ob es darum geht zu sehen, wie einem Mann der Kopf bei lebendigem Leib abgetrennt wird (ob gestellt oder nicht, grausam bleibt grausam), oder ob man sich die letzten Sekunden des Ex-Diktators Saddam Hussein noch mal genüsslich auf der Linse zergehen lassen will, man wird fündig in diesem Internet. Videos die man dort findet, für die bereits der Name Snuff-Videos (=> Videos in denen ein Darsteller tatsächlich stirbt) erfunden wurde, spiegeln lediglich die grausame Realität, die uns umgibt, wider. Die Frage, ob solche Videos nicht eher zu Gewalt hinreißend sind, als Killerspiele, bei denen klar ist, dass man sich in einer virtuellen Welt befindet, sollte an dieser Stelle gestellt werden.
Sicherlich kann man nicht zu 100 Prozent davon ausgehen, dass ein psychisch labiler Amokläufer den Unterschied zwischen Spiel und Realität, noch zu erkennen vermag, aber dennoch scheinen Spiele à la „Counter Strike“ oder „Doom“, nicht die Wurzel allen Übels zu sein, sondern der Ausschluss aus der Gesellschaft.
Klar ist allerdings auch, dass man die Pressefreiheit nicht beschneiden darf, weil es gegen das Grundgesetz verstöße, aber man könnte als verantwortungsvolle und nicht als profitgierige Regierung, die Medien anhalten objektive Berichterstattung, der sensationsgeilen, vorzuziehen. Ich gebe zu auch dieser Text ist kein gutes Beispiel an Objektivität, aber vielleicht wären solche Texte auch gar nicht nötig, wenn man objektiv über Geschehnisse richtet.

Zum Schluss bleibt nicht viel zu sagen, als, dass dies hier nicht die absolute Wahrheit darstellt, sondern lediglich die Auffassung eines Einzelnen, dessen Meinung gerne geteilt werden darf, also „Bild dir deine Meinung“ <- ja ne schon klar!